Was kaum einer weiß, am LWL-Museum für Naturkunde des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) wird nicht nur naturwissenschaftlich geforscht, sondern auch publiziert. Das Museum gibt Fachbücher sowie drei Fachzeitschriftenreihen heraus und fördert dadurch aktiv den Austausch neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Nun hat das Museum eine Sensation veröffentlicht: In der neuen Ausgabe der museumseigenen Zeitschrift „Geologie und Paläontologie in Westfalen“ wurde unter der Schriftleitung von Dr. Achim Schwermann gerade ein Artikel veröffentlicht, der eine Ehrung des bekannten Musikers Udo Lindenberg beinhaltet.
Wissenschaftler des Landesmuseums Hannover, des Naturkundemuseums Bielefeld und des Museums Natura Docet in Denekamp, Niederlande, haben in den historischen Beständen des Museums „De Museumfabriek“ im niederländischen Enschede einen Sensationsfund gemacht: eine bislang unbekannte Art von Seekatze wurde entdeckt. Das Fossil stammt aus einer Tongrube in Gronau. Für das Wissenschaftler-Team stand hierbei fest, dass dieses seltene Fossil einen gleichermaßen einmaligen Namenspaten braucht. Schwermann erläutert: „In der Wissenschaft gibt es nicht viele Möglichkeiten, um verdiente Persönlichkeiten zu ehren. Die Autoren haben es hier geschafft ein solches wissenschaftliches Denkmal zu setzen“. Christian Nyhuis, Mitautor der Studie, erklärt weiter: „Wer käme da besser in Frage als der gebürtige Gronauer Udo Lindenberg? So haben wir die neue Art kurzerhand auf den Namen Stoilodon lindenbergi getauft. Namenspate einer neu entdeckten Art zu sein passiert nur sehr selten und ist eine große Ehre“.
Die Ziegelei-Tongrube Gerdemann in Gronau, auch bekannt als „Gronauer Schieferkuhle“, war eine klassische Fundstelle für Fossilien aus der unteren Kreidezeit vor etwa 140 Millionen Jahren. Insbesondere der Fund einer über 3 Meter langen Meeres-Echse, des Plesiosauriers Brancasaurus, zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte sie weltweit bekannt. Schon seit mehr als 100 Jahren ist die Tongrube inaktiv und mit Wasser geflutet. Aus diesem Grund können heutzutage keine Fossilien mehr aus der „Gronauer Schieferkuhle“ geborgen werden. Dies bedeutet aber nicht, dass es nichts Neues mehr zu entdecken gibt. Das Fossil lag bereits seit Jahren in der Sammlung. Nun hat das Team um den Geologen Jahn Hornung (Landesmuseum Hannover) festgestellt, dass es sich bei dem fälschlicherweise zunächst als Schildkröten-Panzer klassifizierten Fossil aus Gronau stattdessen um Zahnplatten einer Seekatze handelt.
Seltene Fossilfunde
Seekatzen sind, wie Haie und Rochen, Knorpelfische und auch eng mit diesen verwandt. Da Knorpel nur sehr schlecht versteinert, sind vollständige Fossilfunde von Seekatzen selten. Etwas häufiger sind Funde ihrer sogenannten Zahnplatten. Diese sind in ihrer Form charakteristisch und können dazu verwendet werden, fossile Seekatzen zu klassifizieren, von denen sonst keine weiteren Reste bekannt sind. Die Platten bestehen nicht ausschließlich aus Knorpel, sondern auch aus Dentin und einer schmelzartigen Substanz und können somit leichter versteinern. Die Beute heute lebender Seekatzen besteht meist aus hartschaligen Organismen wie Krebsen, Muscheln und Schnecken. „Hierin liegt eine Besonderheit der neuen Art aus Gronau. Ihre Zahnplatten waren nicht zum Zerquetschen von Beute geeignet. Vielmehr waren es Schneidwerkzeuge. Offenbar war die Gronauer Seekatze auf das Ergreifen von weicher, glitschiger Beute spezialisiert“ so Hornung.
Was sind Seekatzen?
Heute lebende Vertreter der Seekatzen kommen in allen Weltmeeren vor und bewohnen dort größere Wassertiefen. Sie besitzen meist spitz zulaufende Nasen und ihr Körper läuft in einen langen, dünnen Schwanz aus. Das für Fische ungewöhnliche Erscheinungsbild brachte ihnen auch den Namen „Chimäre“ ein, was in der griechischen Mythologie ein Mischwesen beschreibt.
In der unteren Kreidezeit, als die Dinosaurier die Erde bevölkerten, lag Gronau in einem Brackwassersee, ähnlich der heutigen Ostsee, der nur eine schmale Passage zum offenen Meer besaß. Alle bisher bekannten Vertreter der Seekatzen sind reine Meeresbewohner. „Die Gronauer Seekatze fühlte sich somit offensichtlich auch in einer Mischung aus Salz- und Süßwasser wohl. Das ist ebenfalls einmalig“ ergänzt Sven Sachs vom Naturkundemuseum Bielefeld, Mit-Autor der nun veröffentlichen Studie.
„Diese aktuellen Forschungsergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass es sich lohnt genau hinzuschauen und historische Bestände noch immer gut für Überraschungen sind“, sagt Schwermann.
Literaturangabe:
Hornung, Jahn J., Eric W. A. Mulder, Christian J. Nyhuis & Sven Sachs: A new species of Stoilodon (Chondrichthyes: Holocephali) from the Lower Cretaceous of Germany, representing the first record of this chimaeroid genus from Western Europe. Geologie und Paläontologie in Westfalen 98: Seiten 25-41
Hier können Sie die Veröffentlichung herunterladen (PDF).
